Titel Stummfilmtage

1925 - Ein Jahr im Kino

Einführung ins Programm

Die Karlsruher Stummfilmtage finden ein Mal jährlich gewöhnlich im November statt. Weil das ZKM dieses Jahr seine ersten 10 Jahre im Hallenbau feiert und wir die erfolgreiche Kooperation fortsetzen wollen, haben wir die Stummfilmtage in den Januar verschoben. Die übernächsten Stummfilmtage sollen wieder im November - 2008 - stattfinden.

Aus kleinen Anfängen als Stummfilmwochenende entstanden, finden die Karlsruher Stummfilmtage jetzt zum sechsten Mal statt. Fast immer ist das Hauptprogramm einem Regisseur, einem Genre oder einem Thema gewidmet. Dieses Mal bilden Filme aus dem Jahr 1925 das Programm - mit einigen kleinen Ausnahmen. Ursprüngliche Idee war es, ein Programm um die beiden "Leuchttürme" der Filmgeschichte zu gestalten, die 1925 entstanden sind: "Goldrausch" von Charles Chaplin und "Panzerkreuzer Potemkin" von Sergej Eisenstein.

Leider können wir "Goldrausch" nicht zeigen, und ich möchte hier nicht verschweigen, warum uns das nicht möglich ist: Die Inhaberin der Aufführungsrechte, die Chaplin Foundation, fordert allein für die Aufführungsrechte 3000,- Euro! Die Karlsruher Stummfilmtage sind nicht mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet, um den exorbitanten Forderungen der Chaplin-Erben entsprechen zu können. Aus meiner Sicht ist es bedenklich, wenn Filme nicht mehr im Kino gezeigt werden können, an jenem Ort, für den sie produziert worden sind.

Während die Filmauswahl relativ problemlos und einfach ist, will man ein Programm zeigen, das einen Regisseur porträtiert, ist das viel schwieriger, will man die Produktion eines Jahres präsentieren. Zwangsläufig ist man gezwungen, vorab Kategorien der Auswahl aufzustellen, bzw. auf künftige Programme Rücksicht zu nehmen. So beschlossen wir frühzeitig, "Die freudlose Gasse" von G. W. Pabst in einem späteren, Pabst gewidmetem, Programm zu zeigen. Diesen Film hätte sicher der eine oder andere in diesem Programm vermisst - zu Recht! Dann waren wir uns bald darin einig, die Urahnen des Genrekinos außen vor zu lassen. Wir möchten Filme zeigen, die in der Lage sind, den heutigen Zuschauer anzusprechen - emotional und intellektuell. Deswegen gibt es weder Fred Niblos "Ben Hur" zu sehen, einen der Urahnen aller Sandalenfilme, noch "The lost World", der Spielberg als Vorlage für "Jurassic Park" diente.

Schwieriger war es, eine Wahl zu treffen zwischen Jean Renoirs "Nana", einem Film von einzigartiger Wucht, und Jacques Feyders "Visages d'Enfants - Kindergesichter". Wir haben uns weniger gegen "Nana" als für die "Kindergesichter" entschieden, weil wir hoffen, dass wir in einem späteren Programm mehrere Stummfilme Jean Renoirs präsentieren können.

Schon bei den Vorarbeiten für dieses Programm wurde uns klar, dass die Produktion des Jahres 1925 bedeutend umfangreicher war, als man sich das aus dem Abstand von mehr als 80 Jahren vorstellt. Insbesondere in den USA entstand eine Fülle von Filmen, die jedoch größtenteils für uns nicht oder nur sehr schwer zugänglich sind.

Ob es uns gelungen ist, ein halbwegs ausgewogenes Programm zu komponieren? Ich denke, ja. Wir haben zwei amerikanische Filme im Programm (eigentlich sollten es drei sein), zwei russische, zwei deutsche und eine französisch-schweizerische Co-Produktion. Alle diese Filme lösen ein, was oben verlangt wurde: sie können den Zuschauer unserer Tage ansprechen und erreichen. Das gilt für den Straßen- und Zirkusfilm "Varietè" von E. A. Dupont ebenso wie für Lubitschs Gesellschaftskomödie "Lady Windermere's Fächer", für den fast epischen (Anti-) Kriegsfilm "The Big Parade" von King Vidor wie für Murnaus Drama um einen Hotelportier "Der letzte Mann". Letzterer ist der "Ersatz" für den unbezahlbaren "Goldrausch".

Weil die Filmauswahl schwieriger und zeitlich umfangreicher war als in den Vorjahren, haben wir uns entschieden, die Namen aller an der Sichtung Beteiligten zu nennen (Link).

Jacques Feyders "Visages d'Enfants - Kindergesichter" möchte ich unserem Publikum besonders an Herz legen. "Kindergesichter" ist ein hochdramatischer Film um das Schicksal eines kleinen Jungen, der seine Mutter verliert. Feyder drehte, wie man heute sagen würde, "on location" in den Schweizer Alpen. Feyder ist - vollkommen zu Unrecht - einer der Unbekannten der Filmgeschichte. Ähnlich wie G. W. Pabst, der in vielen Ländern gearbeitet hat, war auch Feyder ein Wanderer: von Belgien, wo er geboren wurde, nach Frankreich, Österreich und Deutschland; auch in den USA hat er einen Film gedreht. Mit Pabst teilt Feyder die dem Realismus verpflichtete künstlerische Grundhaltung. In Deutschland führte er 1928 Regie bei der verloren gegangenen Verfilmung von "Thérèse Raquin", einer Ehebruchsgeschichte von Emile Zola. Schon zur Tonfilmzeit hat Feyder die Regie der deutschen Fassung von "Anna Christie" übernommen, dem einzigen Film, in dem Greta Garbo deutsch spricht. Der einzige deutsche Stummfilm mit Greta Garbo stammt übrigens von G. W. Pabst - es ist "Die freudlose Gasse".

Im Programm für Kinder ist ein früher Animationsfilm zu sehen: "Die Abenteuer des Prinzen Achmed". Genauer gesagt handelt es ich um einen Scherenschnittfilm aus der Hand von Lotte Reiniger. Der Film wird von insgesamt drei Ensembles begleitet, die aus Kindern und Jugendlichen bestehen. An dieser Stelle vielleicht eine Anmerkung für erwachsene Besucher des Programms für Kinder: es kann nicht jene künstlerische Qualität der musikalischen Begleitung erwartet werden, die bei den anderen Aufführungen der Stummfilmtage üblich ist. Vielmehr steht der pädagogische Aspekt im Vordergrund. Kinder sollen einen aktiven Umgang mit dem Medium Film kennen lernen. Bei jeder Aufführung in der Vergangenheit waren wir immer wieder überrascht, mit welcher Energie und Anspannung die Kinder bei der Sache waren. Und das galt nicht nur für die Kinder in den Ensembles - ihre gleichaltrigen Zuschauer verfolgten mit großem Interesse, dass ganz junge Musiker die alten Filme begleiteten.

Es ist wohl nicht mehr notwendig, zu betonen, dass alle Vorführungen musikalisch begleitet werden. Einerseits begleiten Ensembles, die zum festen Musikerkreis der Stummfilmtage gehören, andererseits kommen auch einige Ensembles zum Zuge, die zum ersten Mal bei den Stummfilmtagen auftreten. Das Karlsruher Improvisationsensemble ist seit den Anfängen der Stummfilmtage dabei; es begleitet den "Panzerkreuzer Potemkin". Matthias Vogt spielt zwar in der Capella Obscura ganz konventionell Klavier, bei der Begleitung von "Schachfieber" wird er jedoch mit Jochen Werner elektronische House-Musik produzieren. Cornelia Bruggers Capella Obscura ist so alt wie die Stummfilmtage - sie begleitet "Varieté". Frieder Egri arbeitet mit wechslenden Besetzungen; zur Begleitung von "Der Letzte Mann" hat er den bekannten Karlsruher Jazz-Musiker Peter Lehel verpflichten können. Zum ersten Mal überhaupt bei den Stummfilmtagen ist dagegen das Kammerflimmer-Kollektief, das gerne improvisatorische Klangteppiche verlegt. Man darf also auf "The Big Parade" gespannt sein. "Die Kindergesichter" werden von Matthias Graf und Holger Ebeling begleitet; letzterer Mitglied des Karlsruher Improvisationsensemble, während Matthias Graf vor zwei Jahren "Die Straße" begleitet hatte. Auch Eva Chahrouri hat in wechselnden Ensembles immer wieder Stummfilme begleitet, z. B. Chaplins "Rollschuhbahn"; jetzt spielt sie zusammen mit Liv Wagner und Shakya Grahe zu "Lady Windermere's Fächer."

Ich wünsche allen Zuschauern viel Spaß bei den Aufführungen.

Josef Jünger

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