Text: 112 Jahre Film in Karlsruhe

Die ersten Filmvorführungen in Karlsruhe fanden am 5. September 1896 statt. Am 5. September 2008 gründet sich der Verein "Déjà Vu e. V.", der künftig die Karlsruher Stummfilmtage durchführen wird. Am 6. September zeigen wir aus diesem Anlass ein Programm mit Filmen des frühen Kinos aus den Jahren 1894 bis 1910; am 7. September präsentieren wir mit Ernst Lubitschs "Die Puppe" einen der Erfolge aus einem früheren Programm der Karlsruher Stummfilmtage, als sie noch schlicht als "Stummfilmwochenende" firmierten.

Einführung

Die ersten Filme in Karlsruhe wurden von der Fa. Lumière, Lyon, vorgestellt, die bekanntlich auch die Filme der ersten Vorführung in Paris am 28. Dezember 1895 produziert hatte. Im Gegensatz zu dem amerikanischen Erfinder Thomas Edison, der nicht an Aufführungen vor einem größeren Publikum geglaubt hatte und deswegen nur Guckkästen für jeweils einen einzigen Zuschauer baute, entschlossen sich die Brüder Lumière aus Lyon zu Aufführungen vor einem - wenn man den Quellen glauben darf - Publikum von 35 Personen. Ort der Aufführung war das Grand Café am Boulevard des Capucines.

Die technischen Erfindungen waren von verschiedenen Personen gemacht worden; die Brüder Lumière hatten ebenfalls eine Kamera gebaut, die dann auch zur Vorführung selbst dienen konnte. Die Mundpropaganda war groß; bald drängten sich Massen zu den Aufführungen in Paris. Die Brüder Lumiére schickten Kameraleute los, die in allen größeren Städten Europas die damals sehr kurzen Filme aufnahmen.

Anlass der Aufführung der Karlsruhe war der 70. Geburtstag des Grossherzogs Friedrich, des Namensgebers der Universität Karlsruhe. Der Grossherzog hatte die Gewerbeausstellung in Stuttgart besucht und dort selbst Lumière-Filme gesehen. Auf der Gewerbeausstellung war auch ein Team der Brüder Lumière, so dass die in Stuttgart gedrehten Filme Anfang September dann - neben anderen - in Karlsruhe gezeigt wurden. Aufführungsort in Karlsruhe war das nicht mehr existierende Stadtgartentheater.

Wir selbst zeigen in den ersten beiden Blöcken des Programm zuerst internationale Filme der Brüder Lumière, dann in Deutschland entstandene Filme, unter denen auch einige sind, die bei den ersten Aufführungen in Karlsruhe gezeigt wurden.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Kenntnisse über die ersten Aufführungen in Karlsruhe sich dem vorzüglichen Buch "Film und Schokolade" (1999) von Martin Loiperdinger verdanken, der an der Universität Trier lehrt. Leider kann er aufgrund unaufschiebbarer Termine nicht am 6. September nach Karlsruhe kommen. Die Einführung in die Frühgeschichte des Films und die Einordnung der lokalen in die allgemeine Filmgeschichte übernimmt Wolfgang Petroll, u. a. Lehrbeauftragter am ZAK der Universität Karlsruhe; Dr. Peter Pretsch vom Institut für Stadtgeschichte wird dann einen Blick auf Karlsruhe am Ende des 19. Jahrhunderts werfen.

Plakatmotiv Lumiere 107KB

Die Filme

Samstag, 6. September, 20.00 Uhr

Das Filmprogramm folgt mehreren Linien: der historischen Entwicklung des Mediums; der Entstehung und Entwicklung einzelner Genres; der Filmproduktion in einzelnen Ländern. Wie schon oben dargestellt, beginnen wir mit den Filmen der Brüder Lumière, die in Europa und in Deutschland entstanden sind. Diese Filme wurden mit dem Titel "Lebende Photographien" beworben und zeigen deutlich die Beziehungen zur Photographie. Ein weiterer Block ist den sog. "Zaubereien" von Georges Meliès und anderen Regisseuren gewidmet. Darunter sind auch handkolorierte Filme. Das frühe Filmdrama wird nur durch einen Film repräsentiert: "Geschichte eines Verbrechens" von Ferdinand Zecca. Einige sehr kurze Filme beleuchten die Herkunft des Films - und dessen bevorzugten Aufführungsort der frühen Jahre auf Jahrmärkten, Varietès usw. Viele der frühen Filme haben dokumentarischen Charakter bzw. zeigen tatsächlich Geschehenes, das für die Kamera nachgestellt wurde; z. B. ein kurzer Film über die russische Revolution von 1905, in dem sich einige Motive finden, die im "Panzerkreuzer Potemkin" wiederkehren. Den Abschluss des Programms bildet der Block Slapstick und Komödie. Mit Max Linder lernen vermutlich viele Zuschauer einen Komiker kennen, den Charles Chaplin als Vorbild nannte. Der Film "Max Célibataire" (engl. Titel: The Grasswidower) erzählt eine kleine Geschichte, die von den Sorgen und Nöten eines Strohwitwers handelt.

Musikalische Begleitung:

Das gesamte Programm wird von Musikern begleitet, die seit Jahren bei den Karlsruher Stummfilmtagen aktiv sind, u. a. Cornelia Brugger, Matthias Vogt, Bhadra H. Nofer und weiteren. Die vielen, z. T. sehr kurzen Filme lassen eine Begleitung des Films, so wie von den Karlsruher Stummfilmtagen gewohnt, kaum zu. Wir dürfen gespannt sein, wie die Musiker diese Herausforderung meistern werden.

Gesamtdauer der Filme: ca. 95 Minuten; Lumière-Filme aus Deutschland: 35mm-Kopie des Filmmuseums Berlin; alle anderen Filme: DVD.

Wichtiger Hinweis: Wir haben in vielen Fällen die Rechteinhaber nicht ermitteln können. Sollte jemand diesbezügliche Ansprüche erheben, bitten wir um Kontaktaufnahme mit "Déjà Vu - Film e. V." c/o Josef K. Jünger, Hofäckerstraße 38, 76139 Karlsruhe; Email an: Josef.Juenger(ad)skuss.uni-karlsruhe.de

Foto Lubitsch Puppe

Sonntag, 7. September, 20.00 Uhr

"Die Puppe"

Deutschland, 1919, Regie: Ernst Lubitsch

 Buch:  Hanns Kräly, Ernst Lubitsch
 Kamera:  Theordor Sparkuhl
 Bauten/Kostüme:  Hans Richter
  Darsteller:  
 Hilarius, Puppenmacher  Victor Janson
  Seine Frau  Marga Köhler
 Ossi, beider Tochter  Ossi Oswalda
 Lancelot  Hermann Thimig
 Amme  Josefine Dora
 Baron von Chanterelle  Max Kronert
 Lehrling  Gerhard Ritterband
 Abt  Jacob Tiedtke

Inhalt

Baron de Chanterelle möchte seinen Neffen Lancelot verheiraten. 40 Jungfrauen melden sich auf seine Heiratsanzeige. Lancelot flüchtet voller Angst vor so viel Weiblichkeit in ein Kloster. Die Mönche möchten jedoch gern an der vom Onkel ausgeschriebenen Mitgift profitieren und überreden ihn, zum Schein auf die Ehe einzugehen und eine Puppe zu heiraten anstelle einer richtigen Frau. Lancelot gehorcht. Doch die von ihm geehelichte Puppe ist in Wirklichkeit die Tochter des Puppenmachers. Am Ende ist Lancelot glücklich, eine richtige Frau geheiratet zu haben. (Verleihkatalog DIF)

Über den Film

"Dass dieser Film die Zuschauer zu Kindern macht mit staunenden Augen, ist Aufforderung und Versprechen einer jeden Märchenszene. Nur wer daran glaubt, hat etwas davon: vom Mädchen, das wie eine aufgezogene Puppe tanzt, vom Menschen, der an einem Bündel Luftballons empor schwebt, von Pferden, die verkleidete Menschen sind und die Hochzeitskutsche ziehen. Das ausgestellte "Als-ob" des Films stört nicht die Faszination, sondern begründet sie; es wird als neuer filmischer Märchenreiz offeriert."

Uta Berg-Ganschow, in: Lubitsch, hrsg. von H. H. Prinzler / E. Patalas, München, Luzern 1984.

Musikalische Begleitung:

Frieder Egri (Klavier), Ilmar Klahn (Violine)

Die Veranstaltung wird in Kooperation mit dem Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften der Universität Karlsruhe durchgeführt. Wir danken dem Kulturamt der Stadt Karlsruhe für die Förderung der Veranstaltung. Ferner gilt unser Dank folgenden Einrichtungen und Institutionen:

- Filmmuseum Berlin

- Deutsches Institut für Filmkunde Wiesbaden

- Association Lumière, Lyon/Frankreich

- Lobster Film, Paris

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